Vom Frosthauch gerufen - Eine magische Winterkurzgeschichte

Silvercliff Hall – Vom Frosthauch gerufen. Eine magische Winterkurzgeschichte
von Aniela Ley
Die Sonnenstrahlen brachten den Fluss zum Glitzern und ließen die Ufer des Cherwell in ihrem schönsten Grün aufleuchten. In der Ferne hob sich der Magdalena Turm in den Sommerhimmel und erinnerte daran, warum die Universitätsstadt Oxford die „Stadt der träumenden Türme“ genannt wurde. Doch neben Emilias Anblick verlor selbst Oxford seinen Reiz. Spielerisch ließ sie ihre Hand durchs Wasser gleiten, während ich möglichst gleichmäßig ruderte, um sie ja nicht aus ihrer Verträumtheit zu reißen. Ich konnte nicht aufhören, sie anzusehen, denn in der letzten Zeit trafen wir uns viel zu selten. Die Veränderungen in Silvercliff Hall nahmen sie ziemlich in Anspruch. Umso mehr genoss ich es, sie jetzt für mich zu haben.
Endlich einmal allein.
Nur wir zwei auf einem Ruderboot auf dem Cherwell.
Ging es noch romantischer?
„Irgendwie war dieser Bootausflug nicht die beste Idee ...“, riss Emilia mich aus meiner Verzückung.
„Dafür siehst du aber extrem entspannt aus.“
„Genau das meine ich ja, ich bin viel zu entspannt, fast schon benommen.“ Emilia blinzelte träge, während sie ihre Hand immer noch ins Wasser hing, als wäre sie zu allem anderen einfach zu schlapp.
„Hast du vielleicht eine Überdosis Sonnenschein abbekommen?“ Als jemand, der Blässe für vornehm hielt, war sie ja eigentlich eine Stubenhockerin. Doch vielleicht steckte auch etwas anderes dahinter?
Als Emilia mir nicht sofort antwortete, zog sich meine Brust zusammen. Wird ihr vielleicht gerade klar, dass das mit uns keine Zukunft hat?
„Wenn dir meine Ordinary-Welt zu langweilig ist, kann ich auch jederzeit nach Silvercliff Hall kommen“, stellte ich klar. „Ich habe mich längst dran gewöhnt, von euch Elevierten von oben herab behandelt zu werden, bloß weil meine Aura unmagisch ist.“
„Das würdest du für mich tun?“ Sofort wirkte die Lady wacher.
Ich lächelte nur vielsagend.
Emilia lächelte zurück. „Das ist sehr süß von dir, aber mir ist kein bisschen langweilig. Ganz im Gegenteil, ich habe die Stunden bis zu unserem Ausflug gezählt. Doch jetzt ... Es ist fast zu schön, wenn du verstehst, was ich meine. Wie das Licht gleißend weiß auf dem Wasser tanzt, die Baumkronen Schatten werfen, die wie schwarze Spitze aussehen, und die Luft sich mit einem Duft füllt, den ich nicht zuordnen kann. Und je tiefer ich einatme, desto benommener fühle ich mich. Irgendwas stimmt nicht. Und trotzdem kann ich mich kaum rühren, geschweige denn herausfinden, was hier los ist.“
„Und du meinst nicht, dass es an meinem ganz speziellen Zauber liegt?“
„Dein Zauber sorgt meistens eher nicht dafür, dass ich bloß schlapp in der Ecke hänge. Wenn du verstehst, was ich meine.“ Sie warf mir einen Blick durch ihre Wimpern zu.
Okay, jetzt bemerkte ich es auch. Normalerweise hätte allein dieser Blick ausgereicht, damit ich mich in Rekordtempo auf Emilias Seite des Boots bewegte. Bevor ich mich jedoch wundern konnte, lenkte mich ein Geräusch ab, mit dem man nicht im Sommer rechnet.
„Hörte sich an wie das Knacken von Eis, wie wenn man mit dem Stiefel eine zugefrorene Pfütze zertritt. Wo kommt das her?“
Emilia verzog das Gesicht. „Und dieser ungewöhnliche Geruch ... Jetzt weiß ich’s, es riecht nach Schnee. Nathan, hier stimmt etwas ganz und gar nicht.“
In diesem Moment ließen sich die Ruder nicht mehr bewegen. Der Fluss, kapierte ich, ist gefroren. Und wenn die Ruder feststeckten ...
„Emilia, zieh sofort deine Hand aus dem Wasser!“
Panisch schaute sie mich an. „Ich kann nicht, meine Finger stecken fest.“
Inzwischen kräuselte sich der Fluss nicht länger, sondern war erstarrt und seine Oberfläche wie mit Puderzucker bestäubt. Kein Wunder, dass Emilia ihren Arm nicht ins Boot zurückziehen konnte, ihre Finger waren im Eis eingefroren.
Der Atem, den ich vor Schreck ausstieß, stob als weißes Wölkchen von meinen Lippen, während über die nackte Haut an meinen Armen und Beinen Kälte glitt. Ich ließ die Ruder los und kletterte rüber zu Emilia. Sie befreite ihre Hand gerade mit einer magischen Elemente-Formel, doch als ich ihre Finger zwischen meine Hände nahm, waren sie eiskalt. Auf ihren Schultern, die vom Carmenausschnitt ihres Kleides umrahmt waren, glitzerten Eiskristalle. Was jedoch noch viel beunruhigender war, war das Knirschen, das durch das Holz unseres Ruderbootes ging. Als würde das Eis es zusammenpressen und zum Bersten bringen. Die Böschung samt Sträuchern und Bäumen war mittlerweile mit einer weiß schimmernden Schicht überzogen. Winterlich erstarrt. Sogar die Sonne war hinter einem milchigen Schleier verschwunden.
„Ich bringe uns weg.“ Emilia hob ihre Hände, um Magie zu wirken. Doch die Arabeske gefror und zersprang wie Glas, noch während Emilia sie in die Luft zeichnete.
„Was zur Hölle ...?“, brachte ich gerade noch heraus, dann erklang das befürchtete Krachen der Bootsplanken.
Ich zog Emilia gerade noch so mit mir auf die Beine, dann brach das Boot auch schon der Länge nach entzwei und wir stürzten ins Wasser. Es war schmerzhaft kalt und umschlang uns, als wolle es uns zerdrücken. Gleichzeitig zog es uns in die Tiefe, so tief, wie der Cherwell unmöglich sein konnte. Als der kraftvolle Sog kaum noch auszuhalten war, ließ er plötzlich nach.
Doch wo war die Wasseroberfläche?
Um uns herum dunkles Wasser, aufgewühlt, voller widersprüchlicher Strömungen und so eisig, dass meine Beine nur schwerfällig reagierten. Im Gegensatz zu Emilia, die vor Panik zu strampeln begann. Was genau verkehrt war. Wir mussten aufsteigen – und das ging nur, wenn wir trotz der lähmenden Kälte stillhielt und nachspürte, wohin es uns zog. Darauf musste man sich einlassen, auch wenn es sich noch so verkehrt anfühlte. Trotz meiner tauben Finger schaffte ich es irgendwie, Emilia an mich ranzuziehen. Für einen Moment strampelte sie noch wilder. Dann gab sie nach – weil sie meinen Plan verstand, oder mir einfach nur vertraute. Das aufgewühlte Wasser zerrte an uns von allen Richtungen. Ich musste mir sicher sein, absolut sicher, wohin es nach oben ging. Wenn ich mich irrte, würden wir ertrinken. Auch jetzt reichte die Luft in meinen Lungen kaum noch aus, und dass obwohl ich ein trainierter Schwimmer war. Wie erging es da wohl erst Emilia, bei der ich mir sicher war, dass ihre vornehme Erziehung nur den Besuch einer Badewanne vorsah?
Und doch wartete ich, auch als Emilias Regungen in meinen Armen immer zaghafter wurden. Wohin? Wohin nur?
Dann sah ich es. Ein Licht, ganz schwach. Es reichte jedoch aus, um die Sauerstoffbläschen, die um uns herum aufstiegen, aufleuchten zu lassen.
Ich kann nicht sagen, woher genau ich die Kraft nahm, mit der ich die inzwischen reglose Emilia noch enger an mich zog und mit ihr in Richtung des blassen Lichts schwamm. Es konnte nicht allzu weit weg sein, aber für meinen vor Kälte erstarrenden Körper war die Entfernung kaum zu bewältigen. Egal! Ich würde es erreichen! Ich musste!
Und dann war der Wasserspiegel plötzlich da.
Doch bevor ich ihn durchbrechen konnte, stieß ich mit einem dumpfen Knall gegen eine Wand aus Eis.
Die Wasseroberfläche war zugefroren.
Ich hatte sämtliche Luft in meinen Lungen verbraucht, meine Arme würden jeden Augenblick aufhören, meinem Befehl zu gehorchen und Emilia loslassen. Das durfte nicht passieren! Irgendwo musste doch noch ein Rest an Kraft aufzubringen sein. Doch die Kälte fraß alles auf. Das Erfrieren tat nicht mehr weh, meine Muskeln schmerzten nicht länger und auch meine Lunge gab ihren Kampf auf, während ich langsam zurück in die Tiefe sank, Emilia immer noch haltend, wobei es sich anfühlte, als wäre sie bereits ohnmächtig.
Ich schaute noch einmal nach oben, dorthin, wo das Licht hinter dem Eis leuchtete. Schwarze Punkte tanzten durch mein Blickfeld ... Nein, das war etwas anders. Das Eis zerbrach, explodierte regelrecht.
Das Wasser schäumte auf, geriet in Bewegung, wir wurden gepackt und emporgerissen und dann auf festem Grund abgelegt. Es war wie in einem Traum. Doch als plötzlich wieder Luft in meine Brust strömte, war es schlagartig vorbei mit dem wattigen Gefühl. Jeder Atemzug brannte wie Feuer und erinnerte mich daran, dass ich halb erfroren war. Keuchend versuchte ich auf alle viere zu kommen, doch es gelang mir nicht.
„Ganz ruhig“, sagte eine mir unbekannte Stimme. „Ich lege euch jetzt in einen Heilschlaf, damit ihr euch erholen könnt. Aber zuerst muss ich deine Begleiterin daran erinnern, dass sie atmen muss, um zu leben.“
„Emilia amtet nicht?“ Mehr brachte ich nicht hervor.
„Emilia ... Ist das der Name deiner Gefährtin? Danke für dein Vertrauen. Nun, da ich ihn kenne, kann ich ihr besser helfen. Aber nun ruh dich aus, schlaf ...“
Auszuruhen war so ziemlich das Letzte, was ich wollte! Doch ehe ich mich aufrappelte, berührten Fingerspitzen meine Stirn – und ich vergaß, was ich gewollt hatte. Der Schlaf kam wie eine Woge über mich und nahm mich mit ins samtige Dunkel.
Ein Glockenton. Das war es gewesen. Ein Glockenton hatte mich geweckt. Silbrig klar und eindringlich.
Mit einem Ruck setzte ich mich auf und sah mich benommen um.
Anstatt mit nassen Kleidern halbtot am Flussufer zu liegen, fand ich mich in einem Zelt wieder, das mit Fellen ausgelegt war. Auf einem Tablett standen Kristalle und spendeten Licht. Neben mir schlummerte Emilia mit rosigen Wangen, und als ich ihr durchs Haar strich, war da keine Spur von Flusswasser. Mir kam das Wort Heilschlaf in den Sinn, und wie ich mir Emilia so ansah, schien das ganz hervorragend zu funktionieren. Auch ich fühlte mich kein bisschen so, als hätte ich ein Eisbad inklusive drohendem Ertrinken hinter mir. Mir ging es blendend, auch wenn ich in einer seltsam feinen Tunika steckte. Und noch seltsameren Hosen. Offenbar hatte mir jemand Kleidung geliehen, der eindeutig einen fancy Mittelalterstil hatte. Aber auch wenn ich darin wie ein verwunschener Jüngling aussah, war mir das immer noch lieber als die steifen Klamotten der Elevierten mit Hemd, Weste und allem Drumunddran.
Während ich noch die kunstvollen Stickereien auf meiner Tunika betrachtete, hörte ich draußen vorm Zelt Schritte, unser unbekannter Retter kehrte zu uns zurück.
Rasch warf ich einen Blick auf Emilia, doch sie schlief weiter eingeschmiegt in die wärmenden Felle. Besser, sie ruht sich noch aus, entschied ich. Dann schlüpfte ich durch den Zelteingang ... um mit meinen nackten Füßen im Schnee zu landen. Doch ich spürte seine Kälte seltsamerweise nicht.
Vom fröhlich dahinfließenden Cherwell oder gar dem Magdalena Turm war weit und breit keine Spur zu entdecken. Ich fand mich in einer märchenhaften Winterlandschaft wieder, zu Füßen eines von dunklen Tannen gesäumten Bergs, vor dem sich ein schwarz gefrorener See ausbreitete. Der Himmel wolkenbehangen, den nächsten Schnee schon mit sich bringend. Es herrschte jene Stille von Frosttagen, in denen alles Lebendige sich irgendwo verkrochen hatte. Bis auf die hochaufragende Gestalt vor mir, die in einen grauen Mantel mit silbernen Stickereien gehüllt war, und der das ungewöhnlich helle Kupferhaar bis über die Brust floss. Ihm oder ihr. Das konnte ich wegen des Tuchs, das sich die Gestalt umgewickelt hatte, nicht erkennen. In einem Netz hielt sie ein paar Fische, die bereits tiefgefroren wirkten.
„Krasser Wetterumschwung, was?“, sagte ich.
„Gelinde ausgedrückt. Wenn ich mich vorstellen darf? Du kannst mich Red nennen. Und um dem gleich vorzubeugen: Mir ist bewusst, dass dieser Name perfekt zu meinem Haar passt.“ Damit schob Red das Tuch zurück und offenbarte nicht nur ein Grinsen und Gesichtszüge, die trotz einer gewissen Androgynität eher maskulin wirkten, sondern auch ein Paar spitzer Ohren.
Tja, vielleicht hätte ich doch einen der Tolkien-Abende besuchen sollen, die in Oxford ständig angeboten wurden. Dann hätte ich jetzt zweifelsohne gewusst, mit welcher Gattung Langohr ich es genau zu tun hatte. Elfe, Elbe oder sogar die gute Waldfee, was wusste ich denn?
Ehe ich mich als komplett ahnungslos und somit als typischer Ordinary outete, probierte ich es lieber mit Smalltalk. „Hi, Red. Ich bin Nathan, und dir überaus dankbar, dass du uns nicht nur aus dem Wasser geholt, sondern dich auch um uns gekümmert hast. Jedenfalls nehme ich an, dass du das gewesen bist, richtig?“
Red nickte. „Ihr ward nicht ganz der Fischfang, auf den ich an meinem Eisloch gehofft hatte. Aber ich will mich nicht beschweren, seit der Frosthauch über unser Reich gekommen ist, gleicht hier ein Tag dem anderen. Da stellt das plötzliche Auftauchen von zwei Sterblichen eine angenehme Abwechselung da.“
„Wo genau sind Emilia und ich denn aufgetaucht?“
Reds Augenbrauen rutschten hoch. „Willst du damit sagen, dass die Elevierte und du nicht absichtlich in unser Reich gekommen seid? Ich dachte, ihr hättet das alte Cherwell-Portal für einen romantischen Ausflug benutzt, ohne zu ahnen, dass euch im Ewigen Garten nur Schnee und Eis erwarten würden.“
Es gab also ein Portal im Fluss, das uns kurzerhand ins Elfenland verfrachtet hatte. Echt, diese Teile waren wirklich die Pest, tauchten ständig an unerwarteten Orten auf und versauten einem den Tag.
„Das war eher ein Versehen“, murmelte ich. „Wo genau sind wir denn gelandet? Ewiger Garten klingt nach Paradies, aber dafür ist es etwas zu kalt.“
Red musterte mich mit seinen silbrig grauen Augen, als könne er meine Unwissenheit kaum glauben. „Der Ewige Garten ist das Reich des Sommerhofs.“ Als ich nicht reagierte, zuckte er ergeben mit den Schultern. „Ihr Ordinarys würdet es wohl als das bekannteste Königreich des Elfenvolks bezeichnen.“
„Und hier ist selbst der Winter so zauberhaft, dass euer Schnee warm ist?“
In Reds grauen Augen funkelte es kurz auf, offenbar fand er mich durchaus unterhaltsam. Aber ganz der ersthafte Elf, der er zu sein schien, verbot er sich einen Kommentar. „Die innere Wärme, die dich vor dem Frosthauch schützt, ist eine Nachwirkung des Heilschlafs. Sie wird noch eine Weile anhalten, was ein wahres Geschenk ist bei dieser verfluchten Eiseskälte.“
„Und warum bist du trotz des Wintereinbruchs zu einem Angelausflug an den See gekommen, statt zu Hause am Kamin zu sitzen?“
„Einen Ausflug kann man das nicht nennen“, schnaufte Red. „Wie ich sagte, ist mein Zuhause dem Frosthauch erlegen. Wenn ich nicht verhungern will, muss ich mir was einfallen lassen. Und der Spiegelsee ist das einzige Gewässer, das sich wegen seiner Tiefe dem Eis bislang widersetzt hat.“
„Sonst ist alles und jeder in diesem Reich erstarrt?“ Ich konnte es einfach nicht glauben.
„Ein Schicksal, das auch euch beiden Sterblichen droht.“ Red hielt demonstrativ seinen Fischfang hoch, der inzwischen von einer weißen Frostschicht überzogen war. „Es gibt nur wenige Kreaturen, die genug Hitze in sich tragen, um dem Frosthauch die Stirn zu bieten. Ich bin zu meiner Überraschung einer von ihnen, was es mir möglich gemacht hat, euch der Kälte zu entreißen. Leider hat es mich viel Kraft gekostet, ich werde euch nicht noch einmal schützen können, wenn der Frosthauch nach euch greift. Sobald deine Gefährtin erwacht ist, brechen wir zu meinem Unterschlupf auf.“
Bevor ich nachfragen konnte, öffnete sich der Zeltverschlag und Emilia trat in einer Art Hemdkleid hervor. Vermutlich ein Oberteil von Red, das bei ihr jedoch bis auf die Oberschenkel reichte. In einem Moment blinzelte sie noch verschlafen, dann riss sie die Augen weit auf. „Ist das etwa der Kristallpalast?“
Ich folgte ihrem Blick. „Reib dir noch mal die Augen, das ist ein Berg.“
Die Art des Naserümpfens, die mir mein Kommentar einbrachte, kannte ich schon. So etwas wie Unwissenheit kannte die Dame meines Herzens als Privatschülerin natürlich nicht.
Ich beschloss, nicht abzuwarten, bis Emilia mir eine Erklärung um die Ohren haute. „Der Berg sieht nur aus wie ein Berg, ist aber in Wirklichkeit ein Palast aus Kristall, was man wegen des Schnees nicht sieht.“
Dafür bekam ich ein Lachen. „Besser hätte ich es nicht sagen können.“ Dann wurde Emilia auch schon wieder ernst, als sie zu unserem Gastgeber blickte. „Ich möchte mich aus tiefstem Herzen für unsere Rettung bedanken, ohne Euer mutiges Eingreifen wären mein Freund und ich verloren gewesen. Darf ich erfahren, wem wir unser Leben schulden?“
„Ist das nicht etwas zu dramatisch ausgedrückt?“, fragte ich Emilia leise.
Sie schüttelte den Kopf. „Beim Schönen Volk gibt es nichts umsonst – und deshalb weiß man besser Bescheid, bei wem man in der Schuld steht.“
Falls Red unsere Unterhaltung mitangehört hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Höflich deutete er eine Verbeugung an. „Ich höre auf den Namen Red, Mylady. Und ich würde es bevorzugen, mit einem Du angesprochen zu werden, da ich meines Zeichens ein einfacher Höfling bin. Jedenfalls war ich das, bis der Sommerhof in den Winterschlaf fiel und ich durch einen Zufall als einziger wach geblieben bin.“
„Eure Herrin umgibt der Ruf, ausgesprochen eigensinnig zu sein. Aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet die Sommerkönigin ihren Hof in einen Eiszapfen verwandeln würde.“ Emilia hob ihre Hände, als könne sie es nicht fassen, obwohl sie es mit eigenen Augen sah. Dann erst begriff ich, dass sie Magie wirken wollte, vermutlich, um hinter das Rätsel des Wintereinbruchs zu kommen. Doch, wie schon auf dem Boot, zerbrach die Magie zu unzähligen Eissplittern, bevor sie gewirkt wurde. „Das ist ja interessant ... Als würde sich die Kälte gegen die Magie stellen. Wie sieht es mit deinen Künsten aus?“, fragte sie Red.
„Nicht sehr viel besser. Am See, wo das Wasser in seiner Tiefe noch nicht vom Eis durchdrungen ist, kann ich einige uralte Beschwörungen wirken, wie etwa den Heilschlaf. Aber alles, was darüber hinausgeht, lässt die Magie wortwörtlich gefrieren.“
Es war Emilia an der Nasenspitze abzulesen, wie sehr es sie anfraß, ohne ihre üblichen Zaubertricks dazustehen. Als Ordinary quasi, aber das band ich ihr jetzt lieber nicht auf die Nase.
„Großartig, ohne Magie ist es unmöglich für uns, dieses Reich durch den See wieder zu verlassen. Wir würden ertrinken, wenn wir nicht vorher im eisigen Wasser erfrieren würden“, beschwerte sie sich. „Wenn das aber unmöglich ist, verstehe ich nicht, wie Nathan und ich hier überhaupt gelandet sind! Wie konntest du uns da rufen?“
„Ich habe euch nicht gerufen“, sagte Red. „Ihr seid in das alte, fast vergessene Fluss-Portal geraten, durch das die Menschen uns früher zu besuchen pflegten.“
Emilia schob das Kinn vor. „Dieses Portal hat sich urplötzlich von allein geöffnet, uns verschluckt und in einem zugefroren See rausgelassen, wo wir ohne deine Hilfe schlicht und ergreifend unterm Eisspiegel ertrunken wären. Was für ein Zufall. Und du hast keine Erklärung, wie es dazu kommen konnte?“
„Mit Portalen kenne ich mich nicht sonderlich gut aus.“ Red blinzelte sie freundlich an, als habe er ihren skeptischen Unterton nicht bemerkt. „Aber du als Elevierte solltest eigentlich Bescheid wissen, schließlich habt ihr die meisten dieser Portale erschaffen.“
„Um das Schöne Volk kontrolliert in sein Reich zurückzuführen, nachdem wir sämtliche eurer Schlupflöcher verstopft haben, durch die ihr unsere Welt zu eurem Vergnügen besucht habt. Ohne Einladung übrigens.“
Ich kam mir vor, wie bei einem Tennismatch, so flog mein Kopf zwischen den beiden hin und her. Warum ging Emilia Red dermaßen an, nachdem dieser Vertreter des Schönen Volks (was waren die denn jetzt? Elfen oder Feen oder noch was anderes?) uns vorm Ertrinken bewahrt hatte? Andererseits war das eher nicht ihr Stil, was wohl bedeutete, dass an ihrem Argwohn was dran war.
„Lasst uns das später besprechen, bevor wir doch noch einfrieren“, schlug ich vor. „Gibt es weitere Kleidungsstücke, in die wir schlüpfen könnten? So langsam spür ich den Schnee an meinen Füßen.“
Red nickte. „Nehmt alles, was ihr an Kleidung finden könnt. Ich werde inzwischen einen Freund von mir suchen, der uns helfen wird, den Unterschlupf vor Einbruch der Dämmerung zu erreichen.“
Im Zelt fanden wir einen Umhang aus schwerem Stoff, der sich wie ein Mantel tragen ließ, allerdings selbst mir etwas zu groß war. Ich sah darin aus wie ein Zauberlehrling. Für Emilia blieb ein weißer Pelzmantel, den sie widerwillig murrend „Der wurde bestimmt nicht mit Magie erschaffen, Elfen sind echt hemmungslos“ anzog. Die Stiefel, in die ich schlüpfte, passten glücklicherweise, während Emilia ihre getrockneten Stiefelletten neben den lichtspendenden Kristallen fand.
„Du traust Red nicht über den Weg“, flüsterte ich.
Emilia kämpfte mit den Schnürbändern an ihren Stiefelletten. Ohne Zofe stand sie mit dem Ankleiden immer noch auf Kriegsfuß. „Ich traue dem Schönen Volk aus Prinzip nicht, und das solltest du auch nicht. Sie lieben das Spiel der Masken, du weißt nie wirklich, mit wem du es zu tun hast und was er im Schilde führt. Außerdem sind sie Künstler der Wortverdrehung, weil sie nicht lügen können. Lass dich nicht von ihrer Freundlichkeit blenden, in der Verführung sind sie wahre Meister.“
Ich nahm Emilia die Schnürbänder aus der Hand, bevor sie sie durchriss, und band ihre Stiefelette. „Also, Red hat mir kein unanständiges Angebot gemacht. Und auf mich wirkt er eher einsam als scharf auf irgendwelche schrägen Spielchen. Wie vielen von seiner Sorte bist du denn schon begegnet, dass du so ein hartes Urteil fällst?“
Damit erwischte ich Emilias wunden Punkt. Auf Blissful Highbury, ihrem Familiensitz, hatte man ihr viel darüber beigebracht, wie die Elevierten auf die anderen magischen Völker blickten, nämlich von oben herab und gespickt mit Vorurteilen. An manchen war durchaus was dran, aber vieles hatte sich auch als Bullshit erwiesen.
Nachdenklich knabberte Emilia an ihrer Unterlippe. „Das Schöne Volk pflegt selbstredend nicht im Haus meines Vaters zu verkehren, aber es gibt unzählige Geschichten darüber, wie sie uns Menschen übel mitgespielt haben. Was nicht bedeutet, dass sie alle so sind. Wie auch? Sie sind ein sehr verschiedenartiges Volk. Der Sommerhof ist gewiss der bunteste und seine Bewohner waren auch stets am meisten an uns Sterblichen interessiert. Dann gibt es noch den Winterhof, der bevölkert ist von Schneeelfen mit ihren glühendroten Augen, Dunkelalben und Schwarzen Feen. Es ist ein Reich, das nur Weiß, Schwarz und Rot kennt – anders ausgedrückt: Schnee, Dunkelheit und Blut. Es ist wild und ungestüm im Gegensatz zur Leichtigkeit des Sommerhofs. Aber während die Bewohner des Ewigen Gartens für ihren Wankelmut berühmt sind, stehen die Wintergeschöpfe für die Tiefe von Gefühlen und Gedanken, selbst wenn bei ihnen über kurz oder lang alles im Verderben endet. Kein Wunder, dass der Sommer- und der Winterhof zwar durch eine magische Schnittstelle namens Erdspiegel aneinandergebunden sind, sich aber feindlich gesonnenen sind. Über den Sternenhof kenne ich nur ein paar Geschichten, die sich viel um höhere Magie drehen. Ihm gehören ätherische Wesen an, die dem Reinen und Ursprünglichem verpflichtet sind. Und über den Verwunschenen Hof gibt es nicht mehr als Mythen und die Vermutung, dass sie diejenigen waren, die zum ersten Mal willentlich Magie gewirkt haben, anstatt ihr nur ausgesetzt zu sein. So gesehen könnte ich nicht einmal sagen, welcher Gattung Red angehört: Ist er ein Kind des Sommerhofs, obwohl er als einer der wenigen dem Frosthauch widersteht? Mit Sicherheit steht nur fest, dass das Schöne Volk geheimnisvoll und kaum einzuschätzen ist.“
„Also genau wie wir beide. Wer hätte je darauf getippt, dass ich das Zeug zur Zofe habe?“ Ich präsentierte die schönste Schleife meines Lebens.
Emilia seufzte. „Du meinst, wir sollen Red eine Chance geben?“
„Wir müssen ja nicht gleich Blutsfreundschaft schwören, aber bislang war er uns gegenüber sehr freundlich – und er ist in einer verzweifelten Lage. Dieser Wintereinbruch scheint alles andere als ein gewöhnliches Phänomen zu sein. Möglicherweise können wir uns dafür revanchieren, dass er uns gerettet hat, wo wir doch eh in seiner Schuld stehen. Trotzdem können wir ja im Hinterkopf behalten, was du über sein Volk gesagt hast.“
„Einverstanden, so machen wir es.“ Emilia nahm meine Hand und gab mir einen Kuss auf meine Fingerknöchel. Einen nach dem anderen. „Habe ich dir eigentlich schon danke dafür gesagt, dass du mich im Wasser nicht losgelassen hast? Ohne dich wäre ich der Tiefe nicht entkommen.“
Der samtige Ton, mit dem sie das sagte, verursachte mir eine Gänsehaut. Und ihr gelang etwas, das sonst kaum jemand schaffte: Ich öffnete meinen Mund ... und nichts kam heraus. Also nutzte ich die Gelegenheit und küsste sie in der Hoffnung, dass sie auch so verstand, dass ich sie nicht einmal um den Preis losgelassen hätte, mit ihr gemeinsam unterzugehen.
Unser Kuss wurde von einem markdurchdringenden Röhren unterbrochen. Ehrlich, ich hielt es für einen Alarm, der dafür sorgte, dass Sterbliche sich schicklich benehmen. Doch als ich aus dem Zelt spähte, stand dort ein mächtig großer Hirsch, das Fell grau und lang, das Geweih mit Silber beschlagen. Ein Geschöpf wie gemacht, um durch die dunklen Tannenwälder zu streifen. Dieses Wesen (gibt es eigentlich auch Elfen in Tiergestalt?) gehörte wohl zu den wenigen, die der Winter nicht zum Erliegen gebracht hatte.
Red legte dem Hirsch gerade eine Decke über den Rücken, wobei sogar er sich strecken musste, so groß war das Tier.
„Seid ihr soweit?“, fragte er. „Mit Anbruch der Nacht erneuert der Frosthauch seinen Zauber. Wenn wir dann noch draußen im Freien sind, werden wir erstarren.“
Emilia trat neben mir aus dem Zelt, den Mantel fest um sich geschlungen. Auch bei ihr verflüchtigte sich die Wärme des Heilschlafs zusehends. „Wo befindet sich denn dein Unterschlupf?“
Red ging zum Zelt und zog an einigen Schnüren, woraufhin es sich wie von Zauberhand zu einem Bündel zusammenfaltete. „Unter dem Palast gibt es Höhlen, die bis tief ins Erdreich reichen. Die Bewohner des Sommerhofs meiden sie nach Kräften, obwohl es dort auch wohltuende heiße Quellen gibt. Aber Dunkelheit, Enge und der Geruch von Metall, das in der Hitze der Erde schmilzt, hält sie auf Abstand. Ich bin da nicht so empfindlich.“
„Ich dachte immer, Elfen halten Metall nur schwer aus.“ Emilia wirkte ernsthaft überrascht.
Seine Miene nach war Red eine solche Reaktion gewohnt. „Es schmerzt, wenn wir Metall zu nah kommen. Mir geht es da genau so wie allen anderen, aber aus einem unerklärlichen Grund brauche ich diesen Schmerz so dringend wie die Luft zum Atmen, es zieht mich immer wieder dorthin. Mich stört es auch nicht, dass in der glühenden Tiefe die Bruchstelle zwischen unserem Reich und dem Winterhof ist. Was mich zu einem ziemlichen Außenseiter macht.“
„Und zu einem der wenigen, die dem Frost nicht zum Opfer gefallen sind“, stellte ich fest.
Red lachte, aber es klang nicht froh. „Mein Glück, dass ich so ein Einzelgänger bin. Als ich wieder einmal auf einer meiner unterirdischen Wanderungen war, ist der Frosthauch übers Land gezogen. Wo vorher der Ewige Sommer und das Leben in all seiner Buntheit herrschte, ist plötzlich nur noch Stille. Nicht einmal in den Alten Wäldern regt sich ein Zweig.“
Ich wechselte einen Blick mit Emilia. Da hatte sie ihre Erklärung, auch wenn Red nicht weiß, was im Ewigen Garten vor sich ging. Aber wer konnte schon Genaues sagen, wenn Magie im Spiel war?
Emilia streichelte die dampfenden Nüstern des Hirsches. „Könnte es ein Angriff des Winterhofs sein? Eure beiden Reiche sind einander nicht besonders wohlgesonnen.“
Daran, dass es dieses auf Schnee stehende Elfenvolk geben sollte, hatte ich mich noch immer nicht gewöhnt. In meiner Vorstellung tanzten Elfen einen einzigen nicht enden wollenden Reigen über Blumenwiesen.
Obwohl das Zeltbündel längst geschnürt war, zupfte Red noch daran herum. Demonstrativ mit dem Rücken zu uns. „Wenn der Winterhof seine Finger im Spiel hätte, wären seine Gesandten, wenn nicht sogar seine Armeen längst ins Land vorgedrungen. Aber niemand vom Dunklem Hof hat sich blicken lassen, schon seit Ewigkeiten nicht mehr.“ Einen Moment saß Red noch in sich versunken da, dann schulterte er das Bündel, und deutete dem Hirsch, sich niederzusetzen. „Jetzt steigt auf, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Mein Freund ist kräftig genug, um euch beide zu tragen, während ich laufen werde.“
Sofort stieg Emilia mit sichtlicher Begeisterung auf den Rücken des Hirsches. Was nicht überraschte, bestimmt gehörten Ausritte auf riesigen Vierbeinern zu ihrer Lieblingsbeschäftigung auf Blissful Highbury.
Ich hingegen bewegte mich einen Schritt zurück. „Als Stadtmensch bin ich mehr so der leidenschaftliche Fußgänger“, erklärte ich Red, als er mich fragend anschaute. „Wenn du gehst, gehe ich auch.“
„Wie du wünschst“, sagte Red. „Aber dann wirst du mit mir Schritt halten müssen, ich gebe das Tempo vor, damit wir unterwegs nicht einfrieren. Auf geht’s.“ Damit holte er mit seinen langen Beinen aus und verschwand im Wald, noch ehe ich überhaupt in Gang gekommen war.
„Gib am besten gleich auf“, rief Emilia. „Du wärst der erste Mensch, dem es gelingen würde, einen Elfen einzuholen. Setz dich lieber hinter mich auf unseren prächtigen Freund und mach die Augen zu, falls dir ein Ritt auf einem Hirsch zu große Angst macht.“
„Ich habe keine Angst“, behauptete ich, während ich mit einem flauen Gefühl feststellte, dass das Damwild nicht einmal ein Geschirr trug. Kaum saß ich auf, erhob sich der Hirsch. Das Tier war wirklich groß! Beklommen umschlang ich Emilias Taille und presste mich fest an sie.
Emilia tätschelte meine Hand. „Entspann dich, das ist doch wunderschön. Ein Ritt auf einem Hirsch durch einen verschneiten Wald, wie in einem Märchenbuch.“
„Das man in eine Decke gehüllt und mit einem Kakao in der Hand vorm Karmin lesen sollte und nicht ... Fuck!“
Weiter kam ich nicht, weil der Hirsch aus dem Stand lossprintete, offenbar in der Absicht, Red nicht nur einzuholen, sondern zu überholen. Die vom Frost schwarzen Tannen rasten auf mich zu und während mein Gehirn Zusammenstoß-Szenarien aufblitzen ließ, hörte ich auf Emilias Rat und schloss die Augen, und zwar so fest, wie es nur irgendwie ging.
Obwohl der Hirsch regelrecht abzischte, kam mir der Ritt endlos vor. Da half es auch nicht, dass ich mich so heftig an Emilia schmiegte, dass ihr eigentlich die Luft für ihre Jauchzer ausbleiben sollte. Doch weder mein Klammergriff noch der vor Kälte klirrende, mit winzigen Eisnadeln durchsetzte Gegenwind konnten ihrer Begeisterung Abbruch tun. Allem Anschein nach verflog die Wärme, die Red durch den Heilschlaf in uns erzeugt hatte, schneller, als der Hirsch durch den winterlichen Wald preschte. Als der Vierbeiner endlich stehen blieb, gelang es mir nur mit reiner Willenskraft, die Arme von Emilia zu lösen, so steif gefroren waren sie.
„Sind wir endlich da oder macht unser Freund nur eine Verschnaufpause?“, erkundigte ich mich.
„Du kannst deine Augen wieder aufmachen, vor uns liegt der Palast.“ Emilia seufzte. „Unglaublich, er ist wirklich atemberaubend, so unfassbar schön. Ich habe noch nie eine solche Anziehungskraft verspürt ...“
Der Klang, der sich in Emilias Stimme eingeschlichen hatte, hätte mich eigentlich sofort aufhorchen lassen sollen. Lady Vandercould war es als hochadelige Elevierte gewohnt, von den wunderbarsten, aufgebretzelsten und fantastischen Dingen umgeben zu sein. Da brauchte es schon einiges, um sie in Verzücken zu versetzen, zumal der Elfenpalast unter einer dicken Schneedecke versteckt war. Der zweite Hinweis bestand darin, dass Emilia vom Hirsch runterglitt, als habe sie vergessen, dass ich hinter ihr saß, geschweige denn überhaupt existierte. Doch ich war zu sehr damit beschäftigt, vom Hirsch runterzukommen, bevor er noch eine Zugabe in Blitzschnelllaufen gab. Erst als ich festen Boden unter meinen Füßen hatte, riskierte ich einen Blick auf den Palast.
Auf den ersten Blick glaubte man unterschiedlich hohe Bergzinnen mit einem schmal aufragenden Obelisken in ihrer Mitte vor sich zu haben. In Wahrheit waren es aber Türme, die sich um das Herz des Palastes versammelten, in dem vermutlich der Thronsaal untergebracht war. Durch den Schnee, der den Sommerpalast bedeckte, drang ein überirdisch schönes Licht. Vor meinem geistigen Auge tauchte ein gläsernes Gebilde aus unterschiedlich hohen Kristallspitzen auf, Form gewordenes Sonnenlicht. Es war gespickt mit unzähligen Bogenfenstern, blütenförmigen Balkonen, Terrassen und Innenhöfen zum Verweilen. Eine ganze Stadt in einem Palast aus Kristall, groß wie ein Berg, aufgeladen mit dem Zauber des Sommers, licht, beschwingt und voller lockender Geheimnisse.
Ich schluckte, als der Sommerpalast für mich immer realer wurde als der schneeverhangene Berg vor meiner Nase. Fast glaubte ich, Gestalten zu sehen, tänzelnd, lachend, ihre Musik klang mir einladend im Ohr. Als müsse ich nur einen Schritt tun, um bei ihnen zu sein. Dann wäre die Kälte vergessen, die mit scharfen Klauen nach mir griff. Was für ein verlockendes Angebot ... Als sich eine Hand auf meine Schulter legte, schlug ich sie beinahe weg. Aber was zur Hölle sollte das auch? Ich wollte zum Palast, unbedingt.
„Nathan“, rief mich Red in einem Ton, der keine Widerrede zuließ. „Nathan, hörst du mich?“
„Lass mich in Ruhe“, knurrte ich. Dank Reds nerviger Stimme hörte ich die faszinierende Musik nicht mehr.
Doch Red ließ nicht locker. „Du musst dich vom Ruf des Sommerpalastes losreißen. Offenbar übt er sogar in seinem schlafenden Zustand eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf euch Sterbliche aus, die euren Geist benebelt.“
Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was Red meinte. Elfenmagie. Verführerische, gefährliche Zauber, die uns Menschen rasch zum Verhängnis wurden. Davor hatte Emilia mich ausdrücklich gewarnt. Trotzdem gelang es mir nicht, mich dieser schillernden Parallelwelt zu entziehen. Sie versprach mir Leichtigkeit und ein niemals endendes Vergnügen, wenn ich mich ihr nur hingab. Nichts leichter als das.
„Verdammt, Nathan“, fluchte Red. „Du musst den Bann brechen, ich brauche nämlich dringend deine Hilfe, damit Emilia nicht erfriert.“
Emilia? Kurz vorm Erfrieren?
Endlich machte es Klick: Wenn ich mich jetzt nicht zusammenriss, würden Emilia und ich zu Eiszapfen erstarren, während wir von einem prickelnden Sommertag voller Elfenzauber träumten.
Die Realität kehrt mit einem Schlag zurück und so schnell, wie sich der Vorhang zur Elfenparty geöffnet hatte, schloss er sich auch wieder. Zurückblieb eine Wahnsinnskälte in meinen Gliedern und das Klappern meiner Zähne. Vom Hirsch war keine Spur mehr zu entdecken, dafür dämmerte es bereits. Wie lange hatte ich eigentlich unter dem Bann gestanden?
Emilia sah aus wie eine Statue mit Schneeflocken im Haar. Ich stellte mich vor sie, um sie vom Palast abzuschirmen, dann nahm ich ihre Hand, hauchte ihr einen Kuss auf den Mund, und sagte dann leise ihren Namen. Zwei, drei Herzschläge später blinzelte sie mich verträumt an, bevor auch ihre Zähne vor Kälte zu klappern begannen.
„Hi“, sagte ich. „Willkommen zurück in der scheißkalten Wirklichkeit.“
„Wie peinlich, ausgetrickst von ein bisschen Elfenglamour“, beschwerte sich Emilia. „Ohne Magie ist das Leben zum Verzweifeln. Wie hältst du das bloß aus?“
„Reine Übungssache.“ Genervt blickte ich zu Red. „Diese Aktion hätten wir uns allerdings sparen können, wenn du uns rechtzeitig gewarnt hättest.“
Der Elf hob entschuldigend die Hände. „Es tut mir leid, ich habe die Lage falsch eingeschätzt. Wegen des Frosthauchs nehme ich den Ruf des Palastes kaum wahr, und deshalb dachte ich, dass er für euch Sterbliche keine Bedrohung darstellt.“
Emilia hopste auf der Stelle, um sich aufzuwärmen. „Wer den Ewigen Garten betritt, sollte gut vorgesorgt haben, damit er ihn auch wieder verlassen kann.“
Bislang hatte ich eine Lanze für die Elfen gebrochen, aber offenbar war an Emilias Misstrauen auch etwas dran. Für mich als Ordinary standen Spitzohren für anmutige Gestalten, die erhaben umherschritten, oder mit ihren Libellenflügeln flatterten und lustige Blumenhüte trugen. Das war es, was vom Wissen über das Schöne Volk hinterm Schleier übriggeblieben war. Für die Elevierten hingegen standen die Spitzohren für Lug, Trug und für die bittere Erfahrung, dass der Sterbliche meist draufzahlte. Nun, vermutlich lag die Wahrheit irgendwo dazwischen.
„Wir sollten jetzt weitergehen, bevor wir noch einschneien“, schlug ich vor. „Wo ist der Eingang zu deinem Unterschlupf.“
Red deutete auf einen kaum wahrnehmbaren Spalt am Fuße des Palastes. „Eigentlich betritt man das Höhlensystem durch einen eigens dafür geschaffenen Torbogen, der die Elemente der Tiefe darstellt. Aber wir geben uns heute besser mit dem unscheinbaren Seiteneingang zufrieden. Wenn ihr mir folgen würdet?“
Sogar der Seiteneingang war mit einem meisterhaft verzierten Bogen geschmückt und im Gang dahinter lag ein Mosaik aus Edelsteinen, das von den in die Wände eingelassenen Kristallen taghell beleuchtet wurde. Doch auch hier hatte sich der Frosthauch ausgebreitet. Emilia zeigte stumm auf ein am Boden liegendes Bündel, über dem sich eine weiß bestäubte Eisschicht gelegt hatte. Erst auf den zweiten Blick begriff ich, dass es sich um zwei kleinere Elfenwesen handelte, die sich wie im Schlaf aneinandergeschmiegt hatten. Was hatte im Wald wohl alles unter der Schneedecke verborgen gelegen? Schaudernd zog ich Emilia enger an mich.
Je tiefer wir ins Erdreich hinabstiegen, desto mehr verlor sich der beißende Frosthauch. Dafür wurde das Licht schwächer und die Gänge wirkten mehr und mehr wie unbehauener Stein bis unser Pfad in einen natürlichen Höhlengang überging. Gelegentlich drangen Dämpfe aus Felsspalten, die Schwindelgefühle verursachten, und das Gestein war von Goldadern durchzogen. Die Wärme, die sich in der Tiefe unterm Palast ausbreitete, war drückend, die Luft bekam etwas Öliges, und ein rotes Schimmern breitete sich aus, das an das Innere eines Vulkans erinnerte.
„Hier unten“, sagte Red, „ist es so ganz anderes als alles, was der Sommerhof sonst zu bieten hat. Dabei ist in jenen Tiefen, in denen Erde sich in flüssiges Gestein verwandelt, jener Kristall herausgebildet worden, in dem heute der Palast untergebracht ist. Und trotzdem meidet das Sommervolk diesen Ort.“
„Im Gegensatz zu dir“, bohrte Emilia nach.
Red wendete den Blick ab, offenbar war es ihm unangenehm. „Bis hier unten dringt der Frosthauch selbst in der Nacht, wenn er am härtesten zuschlägt, nicht vor. Besser, ihr gewöhnt euch an diese Umgebung, denn für euch dürfte es draußen sogar am Tag zu kalt sein, jedenfalls ohne die Nachwirkungen des Heilschlafs.“
Das waren ja großartige Aussichten. „Mit anderen Worten sollten wir schleunigst zusehen, dass wir wieder in unsere Welt zurückkommen.“
Emilia bewegte testweise ihre Finger durch die Luft. Winzige magische Funken stoben davon. „Nun, für den Anfang ist das ganz hübsch, aber wir werden noch tiefer hinabsteigen müssen, damit ich etwas Anständiges zustande bringe.“
Die Art, wie Red das Gesicht verzog, gefiel mir gar nicht. „Allzu viel weiter werden wir leider nicht gehen können, die Hitze nimmt ab hier sehr schnell zu. Du würdest nicht lang genug bei Bewusstsein bleiben, um Magie auf höherem Niveau zu wirken. Du wirst dich mit dem zufrieden geben müssen, was in diesem Bereich möglich ist.“
Wie zu erwarten gab Emilia ein genervtes Stöhnen von sich. „Das wird nicht viel sein.“ Magie war ihre Superkraft, mit der sie für gewöhnlich alles regelte.
Ich hätte am liebsten mitgeseufzt. So überbewertet ich Magie normalerweise fand, so hätte ich sie in diesem Fall doch ganz gut gefunden. „Ich fasse mal zusammen: Draußen frieren wir ein, hier unten in den Gängen können wir nur ausharren und aufs Frühjahr warten, weil es mit der Magie nix wird.“
„Nur wissen wir leider nicht, ob es jemals wieder einen Frühling geben wird“, ergänzte Red.
„Während wir auch keine Ahnung haben, warum der Frosthauch sich überhaupt ausgebreitet hat.“ Emilia formulierte es nicht als Frage, aber sie schaute Red abwartend an. Wenn jemand etwas darüber wusste, dann ja wohl er als Bewohner des Ewigen Gartens.
Leider schüttelte Red den Kopf. „Mich darfst du nicht fragen, ich bin nur der verrückte Red, der sich in der glühenden Tiefe rumtrieb, während der Hof mit seinen Gelehrten und seiner Königin zu Eis erstarrt ist.“
„Warum erzählst du uns nicht, wie zuletzt die Beziehung zum Winterhof war? Darüber wirst du doch wenigstens etwas wissen“, harkte Emilia nach. „Hat das dunkle Gegengewicht zum lichten Hof des Sommers nach Dekaden der Verbannung einen Weg gefunden, um wieder einmal die Oberhand zu gewinnen?“
„Sieht zunächst einmal danach aus“, gab Red zu. „Aber wie ihr selbst feststellen durftet, ist weit und breit niemand zu sehen, der seinen Anspruch auf den Sommerhof geltend gemacht hat. Kein Dunkelelf, keine Blauhaut, kein Nachtglanzkrieger - nur Frost, Schnee und Eis. Es steckt wohl doch etwas anderes dahinter, vielleicht ist unserer Königin ein Fehler unterlaufen.“
„Das werden wir herausfinden müssen“, entschied Emilia. „Red, hast du deine Herrin aufgesucht, nachdem der Frosthauch Einzug gehalten hat?“
Augenblicklich erstarrte Reds Gesicht bei der Erinnerung. Was auch immer er zu sehen bekommen hatte, es hatte ihm ordentlich zugesetzt. „Auch der Thronsaal liegt unter einer Eisschicht begraben.“ Mehr brachte er nicht heraus, aber ich konnte mir auch so vorstellen, dass unter der besagten Eisschicht eine tiefgefrorene Königin saß.
Emilia wurde blass, was sie jedoch nicht davon abhielt, einen Plan zu fassen. „Wenn wir Antworten wollen, wird uns nichts anders übrigbleiben, als die Königin zu wecken.“ In ihren blauen Augen breitete sich ein Blitzen aus, das mir bestens vertraut war. Sie war bereit, sich der Herausforderung zu stellen, egal, wie schwierig es werden würde.
Red, der nicht wusste, wie entschlossen Lady Vandercould sein konnte, starrte sie ungläubig an. „Du, eine Sterbliche, willst dich unaufgefordert der Königin des Sommerhofs nähern? Dann fangen die Schwierigkeiten erst recht an. Du hast doch bestimmt gehört, was für ein Ruf meiner Herrin vorauseilt, sie ist nicht gerade für ihre Dankbarkeit berühmt.“ Er versuchte gar nicht erst, sein Missbehagen zu verbergen.
Auch Emilia wirkte nicht gerade begeistert. „Ich bin mir dessen vollauf bewusst, wenn mein Kindermädchen mir eine Schauergesichte erzählt hat, dann ging es immer um die Sommerkönigin und ihren unstillbaren Machthunger. Wenn man schon gut daran tut, die gewöhnlichen Vertreter des Schönen Volkes zu meiden, so gilt das ganz besonders für seine Herrscherin. Aber sie ist das Herz des Sommerhofs und somit als Einzige mächtig genug, dem Frosthauch die Stirn zu bieten.“
„Dann tauen wir die Königin auf?“ Mir war klar, wie meine Frage klang. Aber das hoheitsvolle Gerede der beiden weckte in mir das Bedürfnis, eine Prise Normalität einzubringen. Meine Normalität, ohne Hokuspokus und Etepetete.
Zuerst zuckte Emilias Nase, der klare Hinweis darauf, dass die gut erzogene Dame in ihr meinen Kommentar ausgesprochen ungebührlich fand. Dann grinste sie jedoch auch schon. „Genau das werden wir tun, Nathan. Zumindest, wenn es mir trotz Schwefeldampf und Höllenglut gelingt, ein paar Vorkehrungen zu treffen.“
Tatsächlich gelang es Emilia trotz der Umstände Magie zu wirken. Wenn auch mit Abstrichen, was zeitweise für Gefluche sorgte. Was bei Emilia Schimpfwörter wie „Scheibenkleister aber auch!“ und „Nein, so was Unerfreuliches!“ bedeutete. Offenbar nahm Lady Vandercould es als persönliche Beleidigung, dass ihr die Magie nicht in allen Lebenslagen vollumfänglich zur Verfügung stand. Red und ich wahrten unterdessen einen Sicherheitsabstand, wobei er zu versunken in Grübeleien war, um mir mehr über sein Volk zu erzählen. Was wahrscheinlich auch besser war, es zeichnete sich nämlich eine deutliche Negativkurve bei den Elfenstorys ab. Als Emilia ihre magische Ausrüstung nach einem lautstarken „Potzblitz!“ endlich zusammen hatte, prüfte Red einen Mondstein, den er an einer Silberkette trug, als wäre er eine Taschenuhr.
„Der Morgen dämmert bereits, wir dürften also die schlimmste Kälte der Nacht überstanden haben. Trotzdem werdet ihr beide Vorkehrungen gegen den Frosthauch treffen müssen.“
Emilia brummte zustimmend, während sie mir eine Kugel aus rötlich schimmerndem Fluid reichte. „Darin habe ich eine Winzigkeit von der Gluthitze hier unten gespeichert. Wenn du es in deiner Hand zusammendrückst, gibt es seine Wärme ab. Leider hatte ich keine Zeit, damit zu experimentieren. Wenn die Kugel überhitzt, lass sie besser sofort fallen. Es könnte sonst nämlich sein, dass du schmilzt.“
„Eine beruhigende Vorstellung bei all dem Eis.“ Trotz meiner großen Klappe nahm ich doch etwas beklommen den Glut-Flummi in die Hand. „Sonst noch irgendwelche Vorkehrungen, bevor du mich auf den Palast loslässt?“
„Die Idee eines Maulkorbs ist verlockend.“ Emilia schaute mich so streng an, dass ich es nicht wagte zu grinsen. Sie nahm mich ein Stück beiseite. „Nathan, ich kenne dich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass du deine ganz eigene Art hast, mit Magie fertigzuwerden. Ich möchte dich trotzdem bitten, vorsichtig zu sein. Und vor allem zu schweigen. Für die Bewohner des Sommerhofs bedeuten Worte etwas ganz anderes als für uns, für sie sind sie eine Form von Magie, mit der sie ihre Spielchen veranstalten und Fallen stellen, um unsereins habhaft zu werden. Wenn wir die Königin wecken, schuldet sie uns eine Gunst. Das wird ihr nicht gefallen – wir werden also sehr, wirklich sehr vorsichtig sein müssen.“
Ich zuckte die Achseln. „Mach dir keine Sorgen, ich bin bislang mit blasierten Geistern, zwielichtigen Schwarzmagiern und sogar mit deiner Zofe fertiggeworden. Außerdem hatten die „Shadowhunters“ mal mit Elfen zu tun. So ganz fremd ist mir das Thema also nicht.“
Schwer zu sagen, was Emilia von meinen Vorkenntnissen hielt, sie nickte jedenfalls ergeben. „Wahrscheinlich endet es damit, dass ich der Königin mein Erstgeborenes versprechen werde, damit sie dich wieder freigibt, nur weil du unbedingt eine lockere Konversation mit ihr betreiben musstest. Aber nun gut.“
Damit nahm Emilia meine Hand und gab Red ein Zeichen zum Aufbruch.
In den höhergelegenen Stollen kamen wir gut voran, doch schon bald drang uns die klirrende Kälte, die mit der Nacht aufgekommen war, entgegen. Zuerst ließ sie uns bloß frösteln, dann wurde sie beißender und drohte das Leben in jeder einzelnen Zelle erfrieren zu lassen. Die Gänge, die wir in der Dämmerung hinabgestiegen waren, waren nun mit Eis überzogen und schafkantige Kristalle wuchsen aus den Wänden, ließen kaum ausreichend Platz, um hindurchzukommen. Red hatte nicht übertrieben, außerhalb der Stollen war kaum ein Überleben möglich.
Schon nach kürzester Zeit hielt ich den Glut-Flummi in meinen Händen für die absolut tollste Sache, die Magie je hervorgebracht hatte. Trotzdem fror ich elend in meinem dicken Umhang und auch Emilia klapperte unüberhörbar mit den Zähnen, als Red uns zu einer sich scheinbar ins Endlose drehende Wendeltreppe führte.
„Die Treppe ist wegen des Eises alles andere als einfach zu nehmen, aber sie ist der schnellste Weg hinauf auf die Ebene des Palastes, auf der sich der Thronsaal befindet. Bitte erschreckt nicht, wenn ihr den Fuß auf die erste Stufe setzt, ihr wohnt ein Zauber inne, der jeden Schritt beschleunigt. Was es umso wichtiger macht, nicht zu stürzen.“
„Eine Art Portal, ja?“, vergewisserte ich mich. „Mann, ich hasse die Dinger.“
Red schaute mich verständnisvoll an. „Möchtest du lieber den langen Weg durch den Palast nehmen?“
In meiner Fantasie öffneten sich die wunderschönsten Säle, die sich jedoch durch ihre eingefrorenen Bewohner in das reinste Gruselkabinett verwandelt hatten. Vor Entsetzen weit aufgerissene Augen, in denen sich Schneeflocken abgesetzt hatten und erstarrte Gliedmaßen, die abbrachen, wenn man sie versehentlich streifte. Aber was war besser? Ein Horrorspaziergang oder ein Schleudergang in einem Portal?
Während ich noch überlegte, verzog Emilia das Gesicht. „Für Umwege haben wir keine Zeit! Wahrscheinlich würden wir ohnehin erfrieren.“
Außer wenn man so fix unterwegs ist wie ich. „Dann mal rauf mit euch auf die Treppe, ich gehe als Letzter. Falls ich das Gleichgewicht verliere, reiße ich euch wenigstens nicht mit.“
Ich fand meinen Auftritt überzeugend ... zumindest, bis Emilia mit dem Finger auf mich zeigte. „Sie, mein Herr, werden vor mir gehen, damit ich Sie im Auge behalten kann. Und keine Ausflüchte, Nathan! Ich weiß, wie sehr du Portale hasst.“
Ich hätte wissen müssen, dass Emilia mich sofort durchschaut.
Murrend setzte ich einen Fuß auf die Treppe. Sofort kam Wind auf, schob mich von hinten an, hinein in einen Lufttunnel, bei dem ich meine Schritte gar nicht so schnell setzen konnte, wie es aufwärts ging. Sogar mein Gefluche blieb mir im Hals stecken, als mich der Wind bereits über die oberste Treppenstufe bugsierte und ich auf einer weitläufigen Terrasse landete.
Um den Palast breitete sich eine spektakuläre Winterlandschaft aus so weit das Auge reichte. Obwohl die Sonne hinter den tiefhängenden Wolken kaum mehr als eine blasse Ahnung war, strahlte das Reich der Sommerelfen in einem einzigen klaren Weiß bis auf den schwarz daliegenden See, durch den wir den Ewigen Garten betreten hatten.
Neben mir sprang Emilia elegant von der Treppe, gefolgt von Red, der sein kupferfarbenes Haar wie ein Banner hinter sich herzog.
„Das hier ist die Plattform für die geflügelten Gäste, die eine Audienz bei der Königin haben“, sagte Red. „Wir nehmen besser den Boteneingang, ich bin mir trotz des magiezerstörenden Frosthauchs nicht sicher, ob die Schutzrunen am Prunktor außer Kraft gesetzt sind.“
Ich folgte Reds Hand mit dem Blick und entdeckte, verborgen unter Eiskristallen, zwei riesige Flügeltüren. Neben ihnen standen mit Lanzen bewehrte Statuen, die im aufgetauten Zustand zweifelsohne grimmig dreinblickende Elfen-Krieger waren. Auch ohne den Frosthauch hätte ich unter diesen Umständen den Boteneingang vorgezogen. Mit Wachen, die über magische Waffen verfügten, hatte ich bereits genug Erfahrung gemacht.
Durch den Boteneingang betraten wir einen zugeschneiten Flur, der in den Thronsaal führte. Es war ein prachtvoller Saal, durch dessen Mitte ein Steg ging. Zu beiden Seiten waren Wasserbecken angelegt, in denen sich sonst Seerosen, bunte Fische und andere Wasseliebhaber tummelten. Nun war jedoch alles zu Eis erstarrt, eine Fontaine genauso wie ein mit Fischschuppen überzogener Elf, den der Frosthauch getroffen haben muss, als er auftauchte. Ich hätte ihn für eine Skulptur gehalten, wenn da nicht sein entsetzter Gesichtsausdruck gewesen wäre. Hinter den Wasserbecken lagen behagliche Nischen, von denen aus sie die Aussicht durch Bogenfenster genießen konnten. In ihnen entdeckte ich den in der Bewegung eingefroren Hofstatt und seine Gäste. Ich war dankbar dafür, dass eine feine Schneeschicht über ihnen lag, sodass mein überforderter Verstand so tun konnte, als würde ich ein Wachsfigurenkabinett anschauen. Das sind magische Wesen, sobald der Frosthauch sich zurückzieht, tauen sie wieder auf und machen einfach ihr Elfending. So ganz sicher war ich mir jedoch nicht. Natürlich hätte ich Red fragen können, aber was, wenn ich mit seiner Antwort nicht klarkam?
Auf einem ovalen Plateau, das von Rankenpflanzen umwuchert war, die jetzt wie kunstvolle Girlanden aus Glas aussahen, stand der Thron. Er sah aus wie eine Blütenknospe, die gerade ihre ersten Blätter geöffnet hatte, als die Kälte über sie gekommen war. Darauf saß die Königin des Ewigen Gartens und Herrscherin über den Sommerhof, eine ehrfurchtgebietende Gestalt mit einem fast unnatürlich perfekten Gesicht. Die Augen geschlossen, als würde sie konzentriert über etwas nachdenken, während auf ihrer Stirn ein Diadem saß. Welche Farbe auch immer der Stein in seiner Mitte sonst trug, jetzt war er so weiß wie der überall gegenwärtige Schnee, mit dem der Palast überzogen war.
Red deutete mit unleserlicher Miene eine Verbeugung vor seiner Königin an. Was immer sie ihm bedeutete oder was er bei ihrem Zustand empfand, ließ sich nicht erahnen. „Mylady“, flüsterte er. Dann wendete er sich uns zu. „Seit ich unsere Herrscherin das letzte Mal besucht habe, ist ihre Erstarrung noch weiter vorangeschritten. Gewiss dauert es nicht mehr lang und sie wird völlig zu Eis geworden sein. Gut möglich, dass es selbst für sie dann keinen Rückweg mehr gibt.“
Emilia, die vor dem Thron geknickst und eine Höflichkeitsfloskel gemurmelt hatte, drückte das wärmespendende Fluid gegen ihre Brust. „Red, du musst mir alles sagen, was du weißt. Es ist dein Land. Und seine Magie fließt durch deine Adern. Wenn ich mich der Königin annehme, sollte mir besser kein Fehler unterlaufen.“ Dabei musterte sie Red so eindringlich, dass ich beim bloßen Danebenstehen zu schwitzen begann.
Und Red?
Ehrlich, es ist nicht mein Ding, andere Kerle zu beurteilen. Aber Red war ganz klar ein beeindruckender Bursche, seine ganze Haltung strahlte eine unbändige Kraft aus, die nicht nur dem Frosthauch trotze. Ich hätte ohne Zögern drauf gewettet, dass sich unter seinem Mantel ein athletischer Körper verbarg. Doch kaum wollte Emilia mehr über die Hintergründe wissen, sank er in sich zusammen, als würde die Lebenskraft nur so aus ihm rausfließen.
„Es gibt Gerüchte“, flüsterte Red. „Wer die Königin verehrt, schenkt ihnen keinen Glauben. Denn sonst drohen drastisch Strafen.“
„Ich verstehe deine Sorge, aber wir sind ja nicht vor den Thron eurer Majestät getreten, um Tratschgeschichten auszutauschen. Sondern wir suchen dringend nach einem Anhaltspunkt“, stellte Emilia klar. „Du solltest also nichts vor uns zurückhalten.“
Red schluckte, nickte aber. „Es heißt, dass der Ewige Sommer dem Gesetz der Natur widerspricht, unter deren Schirmherrschaft die gesamte Elfenwelt steht. In der Natur ist alles Zyklen unterworfen und es gilt die heilige Regel: Alles, was wird, muss wieder vergehen. Auf den Sommer folgt der Winter. Nur tut er es in diesem Reich schon lange nicht mehr, das Sonnendiadem ziert ausschließlich die Stirn unserer Königin. Dabei behaupten einige unserer Ältesten, es wäre überaus wichtig für dieses Reich, dass sie das Sonnendiadem immer wieder für einen Weile in die Hände des Winterkönig legt. Während er dann regiert und das Land in einen tiefen Schlaf fallen lässt, gebärt sich unsere Königin neu. Sie bleibt dieselbe und wird doch eine andere. Denn sie verliert einige Fähigkeiten, während sie neue hinzugewinnt. Auch unser Reich erneuert sich unter der kalten Hand des Winterkönigs. Vieles verfällt in einen Schlaf, einiges stirbt und die, die wach bleiben, müssen sich seiner Herrschaft beugen und nach den Regeln des Winters ihr Dasein fristen, wodurch sie sich unweigerlich verändern.“
„Es könnte also sein, dass der Ewige Garten erstarrt ist, weil er sich der natürlichen Veränderung entzogen hat.“ In meinen Ohren als Naturwissenschafts-Nerd klang das einleuchtend. „Aber warum?“
Red lachte freudlos. „Wenn man diesen Geschichten Glauben schenkt, dann bangt unsere Königin um ihre Machtfülle. Wer weiß schon, was für neue Gaben ihr im Schlaf geschenkt werden? Vielleicht die Gabe der Barmherzigkeit oder ein Sinn für Gerechtigkeit. Damit wäre sie nicht länger die Königin, die sie seit undenkbar langer Zeit gewesen ist.“
Tja, so locker-flockig, wie ich mir das unter dem Bann des Sommerpalastes vorgestellt hatte, ging das hier wohl doch nicht zu. Trotz ihres Blütenthrons war die Königin wohl nicht gerade ein Sonnenschein. Wer hätte gedacht, dass das ach so lustige Elfenvolk mit seinen Blumenhüten und Panflöten von einer fiesen Tyrannin regiert wird?
Das sah auch Emilia so. „Was du über die Haltung deiner Königin erzählst, stimmt mit dem überein, was man sich auch unter uns Elevierten erzählt. Allerdings ist da auch die Rede von einer Fehde, die zwischen Eurer Herrin und dem Winterkönig herrscht. Sie soll einst seine große Liebe entführt und mit einem Vergessensfluch belegt haben, wie ihn nur eine verzauberte Sommernacht wirken kann. Dieses Geschöpf des Winters soll seitdem durch den Ewigen Garten irren, und nur die Königin kennt seine wahre Identität. Damit besaß sie ein Pfand gegen den Winterkönig und konnte ihm ihren Willen aufzwingen.“
„Dieser Schachzug klingt sehr nach unserer Königin.“ Sofort machte Red ein Gesicht, als hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen. „Aber was weiß ich schon, ich bin nur ein Höfling unter vielen.“
„Fassen wir mal zusammen, was wir haben“, schlug ich vor. Meine Füße fühlten sich inzwischen nämlich ganz taub an und ich wollte gern mit all meinen Zehen das Elfenreich wieder verlassen. Ich deutete auf die stolze Frauengestalt auf dem Thron. „Sie hat es vermasselt, weil sie den Hals vom Herrschen nicht vollbekommen hat. Anstatt sich schlafen zu legen, hat sie durchregiert, damit alles so bleibt, wie es ihr in den Kram passt. Dadurch hat der Sommerhof es nun mit einem hausgemachten Problem zu tun: Der Frosthauch ist über den Ewigen Garten gekommen, weil die Natur ihr Gesetz durchsetzt.“
„Was die Entscheidung für mich nicht unbedingt leichter macht“, seufzte Emilia. „Wenn ich die Königin nun mit höherer Magie vom Eis befreie, würde ich damit gegen das Gesetz der Natur verstoßen und wahrscheinlich alles nur schlimmer machen. Du kennst eure Königin, Red. Wenn ich sie aufwecke, wird sie sich an den Winterhof wenden und um Hilfe bitten?“
Der Elf musste nicht eine Sekunde nachdenken. „Niemals. Sie ist die Königin, im Zweifelsfall würde sie sich einen neuen Hof erschaffen, wenn sie ihren alten nicht vom Eis befreien kann.“
Emilias grimmiger Ausdruck verriet Bände, was sie davon hielt. „Neuer Vorschlag: Wir nehmen das Diadem der Königin und du bringst es dem Winterkönig. Soll er seiner Pflicht nachkommen und den Thron übernehmen“, schlug ich kurzerhand vor.
„Jetzt reicht es aber! Ihr elenden Verräter werdet euch dem Thron nicht nähern!“
Hinter der Gestalt der Königin sprang ein Elfenmädchen hervor, golden schimmerndes Haar umfloss ihre zierliche Gestalt und ich hätte sie unter der Kategorie „Süßes, kleines Spitzohr“ verbucht, wenn da nicht ein Knochendolch in ihrer Hand gewesen wäre.
„Wer bist du denn?“, fragte ich, bevor Emilia auf die Idee kam, sich vor lauter anerzogener Höflichkeit erst einmal vorzustellen. Ich hegte nämlich keinen Zweifel daran, dass das Elfenmädchen trotz ihrer Schmächtigkeit genau wusste, wie man eine solche Waffe einsetzte.
„Die Frage ist doch wohl, was ihr in diesen Hallen macht, Sterbliche“, knurrte sie. Für ein vielleicht zehnjähriges Mädchen war sie echt krass drauf. „Und dann auch noch an der Seite dieses Einzelgängers, der ständig in den Höhlengängen herumwandert, und dort sonst was anstellt.“ Sie funkelte Red mit einer solchen Abscheu an, die überhaupt nicht zu ihrem zarten Gesicht passte. „Vielleicht bereitet das Rothaar den Einmarsch des Winterkönigs vor? Und jetzt wollt ihr ihm auch noch das Diadem aushändigen, das er der Königin nicht eigenhändig entreißen kann, ohne bei der Berührung zu verdorren wie ein Blatt unter der gleißenden Mittagssonne.“
Ihre Worte trafen mich wie einen Schlag ins Gesicht. War das möglich? War Red nur deshalb dem Frosthauch entgangen, weil er dem Winterhof zuarbeitete und alles für eine feindliche Übernahme vorbereitete? Er, der einsame Außenseiter? War es vielleicht doch kein Zufall, dass er uns gerettet hatte, sondern vielmehr ein perfider Plan, um an das Diadem zu gelangen?
Ich wechselte einen Blick mit Emilia.
„Höchste Zeit, um die Wahrheit herauszufinden“, sagte sie.
Mit einer flinken Bewegung zog Emilia etwas aus ihrem Mantelärmel und warf es dem Mädchen entgegen. Erst als der Knochendolch durch die Luft flog und in einen Schneehaufen fiel, kapierte ich, dass Emilia eine Entwaffnungs-Rune in ihrem Ärmel gebunkert hatte. Während das Elfenmädchen sich auf den Schneehaufen stürzen wollte, aber von Red zurückgehalten wurde, ließ Emilia eine Arabeske, ein zart violett schimmerndes Muster, frei. Die Arabeske zerstäubte sich in Windeseile und hinterließ den Geruch von Salbei.
„Was war das denn?“, fragte ich, während es beim Sprechen auf meiner Zunge prickelte.
Emilia lächelte zufrieden mit ihrer Arbeit. „Ein Enthüllungs-Ritual. Perfekt für Leute, die Meister im Verdrehen, Schummeln und Hintergehen sind. Anders ausgedrückt für das Schöne Volk. Ein Test gefällig? Nathan, wenn ich dich mit der Kunst, Magie zu wirken, befähigen könnte, würdest du das wollen?“
Das war eine hinterhältige Frage, wo ich doch keine Gelegenheit verstreichen ließ, darauf hinzuweisen, dass ich auch ohne Hokuspokus bestens aufgestellt war. Ich öffnete den Mund, um genau das klarzustellen. Doch stattdessen kam ein „Sofort!“ heraus.
„Emilia“, raunte ich. „Das war deiner nicht würdig.“
Unschuldig blinzelte sie mir zu. „Aber der Test hat doch eindeutig belegt, dass das Enthüllungs-Ritual funktioniert.“
„Dann checken wir gleich noch mal gegen.“ Bevor meine Freundin sich das verbieten konnte, fragte ich sie: „Wann genau hast du dich in mich verliebt?“
Zuerst sah es so aus, als könnte Emilia dem Enthüllungs-Ritual widerstehen. Ihre Lippen kräuselten sich, blieben aber geschlossen. Dann brach es jedoch regelrecht aus ihr heraus. „Als wir nach unserem Zusammenstoß fast von der Treppe gestürzt wären und du mich nicht losgelassen hast, nur, um dich zu retten. Deine Umarmung fühlte sich so richtig an.“ Mit einem kleinen Schrei schlug sie sich die Hände vor den Mund.
Das bedeutete, dass Emilia bei unserem Kennenlernen genauso schnell Feuer gefangen hatte wie ich – nur, dass sie das deutlich besser hatte vertuschen können.
„Okay“, grinste ich. „Damit wäre die Funktionstüchtigkeit des Enthüllungs-Rituals bewiesen. Wer kommt als nächstes dran?“
Emilia deutete auf das Elfenmädchen. „Verrate uns, wer du bist.“
Sofort begann die Elfe am ganzen Körper zu beben, als sie sich widersetzte. „Wie könnt ihr es wagen!“, keuchte sie, bis sie erschöpft auf die Knie sank. „Ich bin die Königin des Sommerhofs.“
Es trat ein Moment der Stille ein, der noch tiefer ging als die Ruhe, die der Frosthauch mit sich gebracht hatte.
„Aber ...“, setzte Emilia an. „Wer sitzt denn dann auf dem Thron?“
„Die Königin“, sagte das Elfenmädchen mit wutblinzenden Augen. „Oder vielmehr die Hülle, die ich für dieses Amt erschaffen habe, weil meine wahre Gestalt mir nicht repräsentativ genug erschien. Es ist schließlich eine Frechheit, als Herrscherin eines mächtigen Reiches wie ein Kind auszusehen. Aber als der Frosthauch durchs Reich wehte, bin ich meiner Hülle entschlüpft, um nicht in ihr festzustecken. Nur gelingt es mir nicht, mir mein Diadem zu holen. Die Kälte beißt nach mir.“ Sie zeigte ihre blaugefrorenen Fingerspitzen.
„Dann stimmt es, was Red gesagt hat?“, vergewisserte ich mich. „Der Frosthauch soll das natürliche Gleichgewicht zwischen Sommer und Winter wieder herstellen, dass Ihr mit Eurem Machthunger aufs Spiel gesetzt habt.“
Wenn die Königin gekonnt hätte, hätte sie mich für meine Frechheit tot umfallen lassen. Aber dank des Enthüllungs-Rituals sagte sie notgedrungen: „Ja, so ist es.“
Das Geständnis hallte von den mit Eiskristallen bedeckten Wänden wider.
„Und was verheimlichst du uns?“, fragte ich Red, nur um auf Nummer Sicher zu gehen, dass nicht doch noch was an der Geschichte der Königin über seinen geplanten Verrat dran war.
Der Elf, der Emilia und mich vor dem Ertrinken gerettet hatte, schaute mich verwirrt an. „Nichts.“
Womit dann wohl feststand, dass Red nicht gelogen hatte.
Aber bevor ich ihm kumpelhaft auf die Schulter schlagen konnte, deutete Emilia mir, mich zurückzuhalten. „Doch was zieht dich trotz der Schmerzen zum Erdspiegel hinab? Was willst du dort unten ganz allein in der Hitze?“
Reds graue Augen flammten unwillkürlich auf, und doch dauerte es noch mehrere Herzschläge, bis er selbst erkennen konnte, was die verhüllte Wahrheit in seinem Inneren war. In einem Moment war sein Blick noch wie benebelt, im nächsten klar und durchdringend. „Ich will zurück zu ihm, auch wenn ich ihn vergessen habe“, flüsterte er.
„Ist nicht wahr“, raunte ich. „Red ist das geraubte Pfand, das dem Winterkönig so sehr am Herzen liegt, dass er vor der Sommerkönigin in die Knie gegangen ist.“
„Das war der schönste Moment in meinem Dasein“, verkündete die Königin ohne den Hauch eines schlechten Gewissens. „Und ein Teil von mir durfte schon in dieser Dimension sein, als diese Welt noch glühendes Gestein war, das davon träumte, eines Tages Gestalt anzunehmen.“
„Sehr beeindruckend“, sagte Emilia. „Aber ich befürchte, dass entbindet Eure Hoheit nicht von Eurer Pflicht, sich dem heiligen Gesetz der Natur zu beugen. Ihr habt jetzt und hier die Gelegenheit für Wiedergutmachung: Gestattet es Red dem Winterkönig Euer Diadem mit einer Entschuldigung und der Bitte um Vergebung zu bringen.“
„Und wenn ich mich weigere?“
„Dann werde ich euch töten!“ Blitzschnell hatte Red den Knochendolch an sich gebracht und richtete seine Spitze auf den Hals der Königin.
„Wenn du ihr etwas antuest, dann werdet ihr beide sterben“, rief Emilia. „Red, niemand darf die Königin töten, ohne dafür mit seinem Leben zu bezahlen. Außerdem wird mit ihrem Tod auch der Ewige Garten vergehen, genau wie das Winterreich, das die andere Seite des Sommers darstellt und ohne sein Gegenstück nicht existieren kann. Willst du diesen Preis für deine Rache wirklich zahlen?“
„Sie hat mich geraubt und vergessen lassen, wer ich bin, was ich verloren habe ...“
„Willst du den Dunklen König, der dir so viel bedeutet, dass du in der Tiefe ausgeharrt und Schmerzen erduldet hast, denn endgültig verlieren?“
Anstelle einer Antwort ließ Red den Dolch sinken.
Eine Gelegenheit, die sich die Königin nicht entgehen ließ. Sie griff nach dem Dolch mit der Absicht, ihn augenblicklich auch einzusetzen. Leider hatte sie nicht mit einem Sterblichen gerechnet, der einen Riecher für fieses Verhalten hatte und darüber hinaus schneller war als sie. Bevor die Königin auch nur fluchen konnte, hatte ich den Dolch an mich gebracht.
Emilia tauchte mit blassem Gesicht neben mir auf, eine Schutzschildrune aktivierend. „Ich rate Euch dringend zur Besinnung, Eure Hoheit“, sagte sie extrastreng, um mir dann ein „Du warst so sexy, Nathan“ zuzuhauchen. Was offenbar nicht geplant war. „Dieses Enthüllungs-Ritual verwenden wir nie wieder“, fügte sie nämlich trotz der Kälte mit glühendroten Wangen hinzu.
Also, mir gefiel es immer besser.
Dann war Emilia auch schon wieder bei der Sache. „Können wir uns darauf einigen, dass Ihr bereit seid, Eure Pflicht zu tun und den Schlaf zu akzeptieren, Eure Majestät? So könnt ihr wenigstens irgendwann wieder regieren. Oder wollt ihr zusammen mit eurem Volk erfrieren?“
Nachdem sich die Sommerkönigin eingestanden hatte, dass es keinen anderen Weg für sie gab, hob sie ihr Kinn. „Nun gut. Ich beuge mich dem heiligen Gesetz und werde tun, was von mir verlangt wird. Aber wenn ich wieder erwache, werde ich Euch zu einer Audienz bitten.“ Es klang wie ein Fluch.
Gelassen wie es nur eine Vandercould konnte, deutete Emilia einen Knicks an. „Wie charmant. Ich freue mich schon drauf.“
Die Königin wendete sich Red zu, der angewidert vor ihr zurückwich. „Sag meinem Bruder, dass ich ihn aus tiefstem Herzen hasse. Aber das ich ihn noch mehr liebe. Er soll Nachsicht haben mit seiner jüngsten Schwester, so, wie er es schon immer hat.“
Damit ging die Königin zu ihrem Thron, nahm das Sonnendiadem und gab es Red, der trotz seiner sichtlichen Abneigung eine Verbeugung andeutete. Dann verschmolz die zarte Elfe mit der Frauengestalt, die sie als Hülle für sich geschaffen hatte.
Ein heller Ton erschall, als sich die Königin des Sommerhofs in ihr Schicksal fügte.
Während ich fragend zu Emilia blickte, wehte plötzlich ein warmer Wind durch den Palast. Bevor ich es richtig begriff, zogen sich Eis, Schnee und beißende Kälte zurück, als wären sie nur ein weißes Tuch gewesen, das über dem Ewigen Garten ausgebreitet worden war. Der Sommer kehrte mit voller Wucht zurück und mit ihm eine berauschende Vielfalt an Farben und Gerüchen. Nur die Stille hallte noch nach, weil die erstarrten Bewohner des Sommerhofs erst noch aus ihrer Starre erwachen mussten. Aber es war eindeutig bloß eine Frage der Zeit, bis wieder quirliges Leben herrschte und Musik durch die Hallen des Sommerpalastes wehte. Nur die Gestalt der Königin bleib wie zu reinem weißen Marmor starrt, tief im Schlaf versunken. Sie hatte ihr Wort gehalten.
„Und nun?“, fragte ich.
„Wenn ihr wünscht, begleite ich euch zum See, damit ihr durch das Cherwell-Portal in eure Welt zurückkehren könnt“, bot Red an. „Es dürfte jetzt wieder mühelos für euch zugänglich sein.“
„Ist das Enthüllungs-Ritual noch aktiv?“, erkundigte ich mich bei Emilia, die nickte. Dann suchte ich Reds Blick. „Möchtest du uns denn an den See begleiten?“
„Nein, ich will sofort zu ihm zurückkehren!“, schoss es aus Red hervor. Verlegen lächelte er. „Wenn ihr den Palast verlasst, wird mein vierbeiniger Freund euch erwarten. Das ist das Mindeste, das ich für euch tun kann.“
„Ein weiterer Ritt auf dem Hirsch? Dieses Angebot nehmen wir sehr gern an.“ Emilia reichte Red ihre Hand, damit er zum Abschied einen Handkuss andeuten konnte – was er nach bester Manier eines Edelmannes tat.
„Gehabt euch wohl, bis wir uns wiedersehen, meine Freunde“, sagte Red, dann eilte er auch schon weg mit seinem unnachahmlich schnellen Schritt.
Emilia bot mir ihren Arm an. „Wollen wir?“
Ich nahm ihren Arm, blieb jedoch stehen. „Spricht etwas dagegen, sich im Palast umzuschauen, solange seine Bewohner noch halb betäubt sind? Hier ist es echt hübsch.“
„So hübsch, das leichtherzige Sterbliche wie wir uns besser sofort aus dem Staub machen.“ Emilia versuchte, mich mit sich zu ziehen. Erfolglos.
„Ach, komm schon, sei nicht so. Nur ein bisschen rumstöbern.“
Emilia musterte mich eindringlich. „Es ist das Portal, nicht wahr? Dir graut es vor unserer Rückkehr durch das Cherwell-Tor.“
„Zuerst müssen wir diese ätzende Treppe runter, bei der sich einem der Magen umdreht“, knurrte ich.
„Nathan, deine Angst vor Portalen ist vollkommen unbegründet. Du musst dich nur auf den Wechseln von einer Realität in die andere einlassen.“
Emilia lächelte mich so aufmunternd an, dass ich unwillkürlich meine Backenzähne knirschen ließ. Was meine zauberhafte Freundin eigentlich sagen wollte, war: Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass du als komplett unmagischer Ordinary die Hosen voll hast bei der Vorstellung, durch einen Spalt zwischen den Realitäten zu schlüpfen. Was mich so richtig nervte war ihr zuckersüßer Ton, als sei meine Angst davor, in einem schwarzen Loch zu landen, weil ich im Portal falsch abgebogen war, besonders putzig.
Ich lächelte Emilia noch viel zuckersüßer an. „Vielleicht bleibe ich einfach am Sommerhof, das scheint mir wesentlich ungefährlicher als diese dämlichen Portale. Selbst, wenn demnächst der Winterkönig Einzug hält.“
Augenblicklich verging Emilia ihre gute Laune. „Mein lieber Nathan Hamsworth, du wirst brav mit mir kommen. Auch wenn ihr Ordinarys völlig unbeleckt seid, was die magische Welt anbelangt, so müsste dir doch inzwischen klar geworden sein, dass ...“ Sie stockte. Dann strich sie sich eine blonde Strähne hinters Ohr. „Du führst mich vor, weil ich in deinen Augen eine herablassende Elevierte bin, die dich maßlos unterschätzt. Und dass, nachdem du schon so oft bewiesen hast, dass du auch ohne Magie ausgesprochen gut zurechtkommst.“
Sofort tat mir Emilia leid. Wie immer meinte sie es nur gut, aber das änderte nichts daran, dass es mir gegen den Strich ging, von ihr wie ein rohes Ei behandelt zu werden. Dafür war ich zu verschossen in die zauberhafte Miss Vandercould. Hätte mir vor kurzem jemand gesagt, dass eine junge Dame im Empire-Look inklusive Schnürstiefeletten und Spitzenhandschuhen im Hochsommer mich ins Schwärmen brachte, hätte ich müde abgewunken. Und nun stand ich hier mit meiner Traumfrau, die auch einem fantastisch angehauchten Jane-Austen-Roman entsprungen sein könnte, und war so hin und weg, dass mich in Wahrheit nicht mal das horrormäßigste Portal schocken konnte, solange ich an ihrer Seite war.
Vorsichtig holte ich die Strähne hinter Emilias Ohr wieder hervor und wickelte sie um meinen Finger. Dafür bekam ich einen überraschten Blick zugeworfen.
„Ich möchte keinen Ärger mit deiner Zofe, weil du dir meinetwegen die Frisur zerraufst“, verteidigte ich mich. „Die gute Missy versteht in dieser Hinsicht keinen Spaß.“
Zu meiner Erleichterung kehrte das Lächeln auf Emilias Lippen zurück. „Dann gibt es wenigstens eine Frau, auf die hörst.“
„Heute höre ich ausnahmensweise auch mal auf dich. Ich folge dir, egal, wohin du gehst.“ Ich lehnte mich vor und stahl Emilia einen Kuss.
„Vielleicht genießen wir die schöne Aussicht in einer der einladend aussehenden Nischen doch noch einen Augenblick, bevor wir zurückkehren“, überlegte Emilia.
Und wie ich es gesagt hatte, folgte ich ihr.